Bei der Entwicklung zur heutigen Trainings- und Kampfesweise beeinflussten mehrere philosophische Strömungen die Geschichte des WT-Systems. Diese Einflüsse widersprechen sich teilweise, da sie oftmals gegensätzliche Philosophien darstellen. Für die pragmatisch veranlagten Chinesen war dies jedoch durchaus vereinbar. Eine Schule ist nicht nur ein Ort, an welchem wir lernen uns effektiv zu verteidigen und uns fit und gesund halten, sondern auch eine Schule fürs Leben. Das Training selbst vermittelt uns gleichsam praktische Lebensphilosophien, die uns nicht nur im Training, sondern auch im täglichen Leben helfen, dieses noch besser in den Griff zu bekommen.

Nachfolgend die drei wichtigsten philosophischen Strömungen im Überblick:

 Taoismus

Wing Tsun ist stark von der chinesischen taoistischen Philosophie geprägt. Der Taoismus steht für Akzeptanz und die sich ergänzenden natürlichen Gegensätze wie Hart und Weich, Stark und Schwach, Mann und Frau, Angreifer und Verteidiger usw. Er lehrt uns, Kraft nicht mit Kraft zu begeg-nen, sondern sie für uns zu nutzen. Weichheit und Nachgiebigkeit gelten nicht als Schwäche, sondern als Stärke und besiegen rohe Gewalt. Im Training erfahren wir am eigenen Leibe die Harmonie zwischen Gegensätzen, welche sich einstellt, wenn wir die WT-Prinzipien umsetzen: extrem weiche absorbierende Abwehrbewegungen und stahlfederartig harte Gegenangriffe mit geborgter Kraft. In jedem Augenblick müssen unsere Gliedmaßen die Dynamik von wechselweiser An- und Entspannung beherrschen. Der “Weg”(chin.Tao) ist das Ziel. Damit ist gemeint, dass wir bewußter und konzentrierter in der Gegenwart, im “Hier und Jetzt”, üben (und leben) sollen. Starrheit und feste Pläne führen nicht zum Ziel, sondern behindern uns. Wir müssen lernen zu sein wie Wasser – anpassungsfähig, immer den Weg des geringsten Widerstandes suchend, bahnt es sich doch seinen Weg. Flexibilität, Verhältnismäßigkeit und situationsbedingtes Handeln lassen sich auf die Prinzipien desTaoismus zurückführen.

Der buddhistische Einfluß

Schon zu Beginn seiner Ausbildung reift im Schüler die Erkenntnis, dass es ohne das eigene Bemühen keinen Fortschritt gibt. Der Schüler, nicht der Lehrer muss geduldig mit dem Partner oder allein vor dem Spiegel aber und abermals an sich arbeiten. Fast ein ganzes Jahr kämpft er mit seinen Unzulänglichkeiten und stellt fest, dass er vieles noch nicht kann. Nur durch beständiges und unermüdliches Üben kann er die filigranen Bewegungen erlernen und sich Gleichgewicht, Standfestigkeit, Koordination, Entspannung, richtige Atmung und auch das richtige Sehen aneignen. Die Philosophie, die dahinter steht, möchte uns zur Selbständigkeit, zu Willensstärke, richtigem Bemühen, aber auch zur Entschlossenheit führen.

Konfuzianismus

Der Konfuzianismus beinhaltet das gegenseitige Treue- und Respektverhältnis von Lehrer zu Schüler oder Älterem zu Jüngerem. Der Schüler soll den Lehrer achten, auf dessen  Ratschläge hören, sowie Respekt und Achtung zeigen. Der Lehrer wiederum muss sich dieser Anerkennung als würdig erweisen und sich dem Jüngeren annehmen, ihm die für seine Entwicklung notwendige Hilfe und Rat zukommen lassen. Das eigene Beispiel des Lehrers soll den Schüler leiten. Gutes Benehmen und die Einhaltung der Etikette (z.B. Verbeugungen bei Begrüssung,  Bedanken nach Belehrungen und Korrekturen) gehören zum guten Ton. Ein Schüler, der sich über diese elementaren Regeln des gegenseitigen Respekts hinwegsetzt, kann von seinem Lehrer langfristig nicht akzeptiert werden und muss die Schule verlassen.

Die Schulen zeichnen sich durch den gewaltfreien und freundlichen Umgang der Schüler, Ausbilder und Schulleiter zueinander aus. Die angenehme Atmosphäre und das sich gegenseitige Respektieren sind Teil des Schullebens und etwas Selbstverständliches. Aggressive Zeitgenossen und Rambos wird man bei uns nicht finden.

Anmerkung: Unsere Gesten des alltäglichen Schullebens (z.B. Bedanken durch kleine Verneigung) sind in allen chinesischen Kampfkünsten üblich und werden in ganz Asien verstanden. Damit drücken wir Dankbarkeit, Anerkennung und Respekt gegenüber unseren Ausbildern aus; sie sind NICHT als religiöse Handlung zu  verstehen.

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